Jesus spricht davon, dass wir das Leben in Fülle haben sollen. Nicht irgendwie leben. Nicht gerade so durchkommen. Sondern in Fülle.
Er sagt auch: Ich bin der gute Hirte.
Ein Hirte – das ist kein Beruf, bei dem man morgens geschniegelt losgeht und abends sauber wieder heimkommt. Das ist kein 9-to-5-Job. Das ist 24/7.
Da macht man sich die Hände schmutzig. Da ist man draußen. Bei den Schafen. Mitten im Leben. Dieser Hirte kennt seine Schafe. Nicht nur so ungefähr. Er kennt sie beim Namen. Mit allen Ecken und Kanten.
Die Schafe? Die hören auf seine Stimme. Sie folgen ihm. Nicht irgendeinem Fremden. Jetzt stellt sich für mich die Frage: Ist Jesus auch heute noch der Hirte unseres Lebens? Unserer Seele?
Eine zweite Frage, die vielleicht ein bisschen unbequemer ist: Gibt es solche Hirten heute noch – in unserer Kirche? Hirten, die wirklich bei den Menschen sind? Die mitgehen? Die sich auch mal „schmutzig machen“?
Oder haben wir manchmal eher Hirten, die von oben herab predigen?
Die auf der Kanzel stehen – aber den Kontakt zum Leben verloren haben?
Sind unsere Hirten Türöffner? Oder sind sie manchmal eher Türverschließer?
Papst Franziskus hat einmal gesagt, die Hirten sollen „den Geruch der Schafe“ annehmen. Also nicht auf Abstand bleiben. Sondern nah dran sein.
Ich frage mich persönlich: Sitzen unsere Hirten endlich bei den Menschen auf der Bierbank oder hocken sie immer noch in den leeren Kirchenbänken?
Feiern sie mit ihnen das Leben? Trauern sie mit ihnen bei ihren Schmerzen?
Oder lachen und weinen sie mit ihnen?
Oder verstecken wir uns – vielleicht auch manchmal – hinter Ritualen, weil sie sicher sind… weil sie vertraut sind… aber vielleicht nicht mehr jeden erreichen?
Ganz konkret darf ich seit über 15 Jahren jedes Jahr erleben – dafür bin ich sehr dankbar: bei der Kreuzbergwallfahrt von Gemünden.
Vier Tage unterwegs. Vier Tage mitgehen. Bei Sonne, bei Regen, bei Wind.
Nicht vorneweg. Nicht von oben herab. Sondern mittendrin. Ich gehe mit.
Ich höre zu. Ich komme ins Gespräch.
Was mich jedes Mal besonders berührt: Wenn es plötzlich anfängt zu regnen. Dann bleibt keiner für sich. Da hilft einer dem anderen. Da hält man schnell mal den Rucksack vom Nebenmann, damit er seine Regenjacke anziehen kann. Ganz selbstverständlich. Ohne großes Reden.
Genau in solchen Momenten wird etwas sichtbar: Gemeinschaft. Miteinander. Füreinander da sein.
Vielleicht ist es genau das, was einen guten Hirten ausmacht – und auch eine gute Gemeinde: Nicht allein unterwegs sein. Sondern gemeinsam.
Einander im Blick haben. Einander helfen.
Der Gute-Hirten-Sonntag erinnert uns an beides:
Die Hirten sollen bei den Menschen sein. Auch bei denen, die ihnen vielleicht nicht so liegen. Auch bei denen, die anstrengend sind.
Die Gemeinde darf sich darauf verlassen: Dass ihre Hirten für sie da sind. Dass sie ihnen helfen, dieses „Leben in Fülle“ zu entdecken.
Denn genau darum geht es am Ende: Glaube und Leben gehören zusammen.
Nicht getrennt. Nicht nur am Sonntag. Sondern mitten im Alltag.
Dort, wo wir leben. Dort, wo wir kämpfen. Dort, wo wir uns freuen.
Vielleicht ist genau das die Aufgabe des guten Hirten: uns immer wieder dorthin zu führen. Zum Leben. Zum echten Leben. Zur Fülle.
Vielleicht erkennt man den guten Hirten genau dort: nicht auf der Kanzel, sondern im Regen – wenn er den Rucksack eines anderen hält.

