Der Wonnemonat Mai steht vor der Tür, der in unserer fränkischen Heimat seit jeher ganz besonders Maria gewidmet ist. Mit ihm beginnen die Wallfahrten und die Maiandachten. Vielerorts erklingt wieder ein Lied, das für viele fast so etwas wie eine kirchliche Heimatmelodie ist: „O himmlische Frau Königin“ - eines meiner Lieblingskirchenlieder. Da ist von Würzburg, dem Schlossberg, dem hohen Dom, dem Dorfkirchlein und den Muttergottes-Statuen an den fränkischen Häusern die Rede.
Dieses Lied ist mehr als ein vertrauter Klang unserer Kindheit und unserer Kirchenräume. Es ist ein Zeugnis aus schwerer Zeit. Vom Jesuiten Friedrich Spee im Jahr 1628 geschrieben, mitten in einer Epoche von Angst, Ungerechtigkeit und Gewalt, setzt es einen leisen, aber kraftvollen Gegenakzent. Unsere Würzburger Bischöfe waren damals Fürstbischöfe - das heißt mehr Fürsten und Politiker als Bischöfe. Sie hatten auch die weltliche Gerichtsbarkeit inne, pressten die Bauern mit der Abgabe des Zehnten aus und verbrannten unschuldige Menschen als Hexen. Während Fürstbischöfe mit harter Hand regierten, Menschen im Namen der Kirche ausgegrenzt, ausgebeutet, verfolgt und getötet wurden, stellt das Lied eine andere Wirklichkeit in den Mittelpunkt: Maria – nicht als Herrscherin der Macht, sondern als „Mutter mild“, als schützende „Herzogin Frankens“.
Hier begegnen sich zwei Welten: Die eiserne Faust der Macht und die offene Hand der Barmherzigkeit. Während Menschen unter Druck stehen und leiden, wird Maria angerufen als die, die ihre „Hand schützend über das Frankenland hält“, aus der ein „Gnadenstrom“ fließt. In dieser Spannung liegt bis heute eine tiefe Wahrheit: Wo Macht sich verhärtet, braucht es umso mehr Orte und Zeichen der Milde. Das Lied weiht den „Schlossberg“ Maria, auf den das Volk den Zehnten zum Fürstbischof bringen muss.
Ein solcher Ort ist für viele Rhöner der Maria Ehrenberg. Wer die 254 Stufen hinaufsteigt und oben die Weite erlebt, spürt vielleicht etwas von dem, was Menschen seit Jahrhunderten dorthin zieht: die Sehnsucht nach Trost, nach Hoffnung, nach einem Gegenüber, das nicht verurteilt, sondern einlädt. Das Gnadenbild von der „Mutter der Barmherzigkeit“ zeigt genau das: Eine Mutter, die mit einer Hand einlädt, zu ihr zu kommen, und mit der anderen Hand auf Christus verweist – auf den, der Leben und Leid mit uns geteilt hat.
Vielleicht liegt darin auch eine leise Anfrage an uns und an unsere Kirche heute: Wofür stehen wir? Für Strenge und Abgrenzung oder für Nähe und Barmherzigkeit? Für das Rechthaben oder für das Mitfühlen?
Der Marienmonat Mai ermutigt uns, neu hinzusehen. Im Innehalten, im Gebet, im Lied. Vielleicht spüren wir dabei etwas von dieser sanften Kraft, die nicht laut ist, aber trägt. Vielleicht singen und hören wir dann das alte Lied mit neuen Ohren – als Hoffnungslied. Als Erinnerung daran, dass es eine andere Weise gibt, miteinander zu leben: Mit mehr Herz, mehr Vertrauen und mehr Barmherzigkeit.
Ich wünsche uns allen einen froh machenden Marienmonat Mai.
Ralf Sauer
Sozialpädagoge und Koordinator im Pastoralen Raum Bad Brückenau und an der Jugendbildungsstätte Volkersberg

