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Das Kreuz - ein Zeichen, das verbindet

Das Wort zum Sonntag von Jens Hausdörfer

Stat crux dum volvitur orbis – frei übersetzt: „Das Kreuz steht fest, auch wenn die Welt verrückt spielt.“ Dieser alte Sinnspruch steht an einer Wand in einem Gastraum auf dem Kreuzberg, dem „Heiligen Berg der Franken“.

Doch ist dieser Satz mehr als ein Relikt aus einer längst vergangenen Welt? Mehr als religiöse Brauchtumspflege? Hat das Kreuz noch eine Bedeutung für uns – in unserem Land und unserer Gesellschaft, jenseits immer kleiner werdender Kirchengemeinden?

Vor Kurzem haben wir das Fest Kreuzerhöhung gefeiert, das an die Weihe der Grabeskirche in Jerusalem erinnert. Ein guter Anlass, über die Bedeutung des Kreuzes heute nachzudenken.

Vielleicht liegt die Kraft dieses Symbols gerade in seiner einfachen Form. Zwei Balken treffen aufeinander: Einer weist von oben nach unten – zwischen Himmel und Erde. Der andere von links nach rechts – zwischen Mensch und Mensch. Im Kreuz begegnen sich unterschiedliche Richtungen. Und sie finden eine gemeinsame Mitte.

Das ist erstaunlich aktuell. Denn auch unser Leben kennt viele Kräfte, die in unterschiedliche Richtungen ziehen. Wir wollen selbstständig sein und brauchen zugleich andere. Wir möchten stark sein und erfahren unsere Verletzlichkeit. Wir streben nach Freiheit und sehnen uns zugleich nach Zugehörigkeit. Und bei alledem suchen wir eine Mitte, aus der wir Kraft schöpfen können.

Auch unsere Gesellschaft scheint immer stärker auseinanderzudriften. Unterschiedliche Meinungen, Lebensentwürfe und politische Überzeugungen stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Der Ton wird schärfer, das Vertrauen nimmt ab. Die Versuchung wächst, den anderen nicht mehr als Menschen mit einer anderen Sichtweise zu sehen, sondern als Gegner. Die Frage nach dem, was uns zusammenhält, stellt sich auch hier.

Das Kreuz sagt: Unterschiedlichkeit darf sein und gehört zum Leben dazu. Nicht alles muss gleich werden. Aber es braucht eine gemeinsame Mitte, die verbindet.

Für Christinnen und Christen hat diese Mitte einen Namen: Jesus Christus. Seine am Kreuz ausgebreiteten Arme können als Einladung verstanden werden: Niemand soll verloren gehen. Niemand verliert seine Würde – auch der Mensch nicht, der anders denkt, anders lebt oder uns fremd ist.

Solche Überzeugungen haben unsere Kultur und unser Verständnis vom Zusammenleben geprägt. Die unantastbare Würde jedes Menschen, Freiheit, Verantwortung und der Schutz des Einzelnen finden sich auch in den Grundwerten unseres Grundgesetzes. Sie sind keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen immer wieder gelebt und verteidigt werden – gerade dort, wo Angst, Hass und Ausgrenzung um sich greifen.

„Das Kreuz steht fest, auch wenn die Welt verrückt spielt.“ Vielleicht ist dieser alte Satz deshalb gar nicht so weit von unserer Gegenwart entfernt.

Das Kreuz verspricht nicht, dass die Welt immer in Ordnung bleibt. Es erinnert vielmehr daran, dass es auch in Zeiten der Verunsicherung und Umbrüche eine Mitte geben kann, die trägt: die Würde jedes Menschen, die Verbundenheit untereinander und – für Christinnen und Christen – die Hoffnung auf einen Gott, der keinen Menschen fallen lässt. Vielleicht brauchen wir diese Erinnerung gerade heute.

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